Inklusive Medienbildung. Ein Filmprojekt mit der intra bonn.


Autor: Klaus Brouwers

Wie kann eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an der Gesellschaft auch digital stattfinden? Smartphones, Tablets, Internet werden als Gegenstände des Alltags zur Selbstverständlichkeit. Auch für Menschen mit Behinderung. Gerade für sie haben die Medien eine besondere Bedeutung für die Gestaltung gesellschaftlicher Teilhabe.

Digitale Medien spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung einer inklusiven Gesellschaft. Wie lässt sich digitale Teilhabe gestalten? Welche Funktionen können digitale Medien übernehmen? Und wie führt man die Zielgruppe an digitale Medien? Aktive Medienarbeit wird in der Wissenschaft als Kernstück inklusiver Medienbildung angesehen, da sie gemeinsame Erfahrungs-, Handlungs- und Kommunikationsräume schafft. Stadtgrenzenlos setzt genau hier an und hat mit der intra bonn verschiedene mediale Projekte mit Menschen mit Behinderung realisiert.

Die intra bonn.
Die intra bonn gemeinnützige GmbH ist seit 2001 Träger verschiedener Leistungsangebote zur Förderung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Ziel der Leistungsangebote ist die Förderung einer nachhaltigen Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gesellschaft, um den jungen Menschen ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben zu ermöglichen. Der Leitsatz lautet: Beraten. Begleiten. Leben gestalten. Dafür werden in verschiedenen Fachbereichen pädagogische Begleitung und Berufsberatung, eine hauswirtschftliche Qualifizierung und ein soziales Gruppentraining für Schüler mit einer Autismus-Spektrum-Störung angeboten.
Die Angebote der intra bonn sind unterschieden in vier Bereiche:
BERATEN + BEGLEITEN, LEBEN + WOHNEN, LERNEN + ARBEITEN und GRUPPEN + TRAINING.

Ein Imagefilm entsteht. Der Bereich LERNEN + ARBEITEN stellt sich vor.

In der intra bonn arbeiten im Bereich LERNEN + ARBEITEN Menschen mit unterschiedlichem Förderbedarf in drei Bereichen: Küche, Wäschepflege und Hausreinigung. Der Bereich LERNEN + ARBEITEN sollte in einem Imagefilm dargestellt werden. Was macht der Bereich? Wie sieht die Arbeit aus? Für wen wird gearbeitet?

In Vorgesprächen wurde geklärt, in welcher Form sich die Qualifikant*innen (so werden die Teilnehmer*innen genannt) an dem Filmprojekt beteiligen wollten. In einem ersten Gespräch wurde über die generelle Mediennutzung gesprochen. Die Qualifikant*innen berichteten von ihren Erfahrungen insbesondere mit der Audio-Nachricht-Funktion von Whats App. Sie erlaubt auch Schreibschwächeren einfach mit anderen zu kommunizieren. Viele kannten und nutzten mehrere angesagte You Tube-Kanäle. Sie kannten sich auch mit Portalen für Jobsuche und Wohnungssuche aus, fanden aber die Seiten oftmals zu kompliziert und schwer verständlich.

Grundsätzlich werden neben Smartphones am liebsten Tablets wegen der Benutzerfreundlichkeit genutzt.

Der eigentliche Dreh fand an zwei Vormittagen statt. An einem dritten Tag wurde der Text aus dem Off eingesprochen.

Interview mit Lydia Ziegler, Mitarbeiterin im Bereich LERNEN + ARBEITEN, über die Dreharbeiten

Wie kam es zu der Kooperation mit Stadtgrenzenlos?

Stadtgrenzenlos und intra bonn sind gGmbHs der Julius Axenfeld Stiftung. Es besteht ein regelmäßiger Austausch vieler Institutionen der Stiftung zum Thema Medienpädagogik. Hierüber kam der Kontakt zustande. Wir sehen in der intra bonn schon lange, dass unsere Qualifikant*innen digitale Medien nutzen. Das sind vor allem Smartphones. Diese Ressourcen können noch besser ausgeschöpft werden. So sind viele sehr sicher im Umgang mit einem Messenger-Dienst, aber können nicht eigenständig nachschauen, wann der nächste Bus kommt.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Stadtgrenzenlos?

Mit Stadtgrenzenlos haben wir einen guten Kooperationspartner für das Thema digitale Medien gefunden. Das Team hat es geschafft, viele Qualifikant*innen anzusprechen und für die Arbeit vor und hinter der Kamera zu gewinnen.

Wie lief der eigentliche Filmdreh ab?

Für unsere Qualifikant*innen war es wichtig das Projekt vorzubereiten. Wir haben vorab überlegt, wer gerne vor der Kamera stehen möchte und wer lieber die Technik bedient. Wir haben besprochen, dass es verschiedene Wege gibt, sich vor der Kamera zu präsentieren. So kann man den Ton weglassen und nur im Bild zu sehen sein. Man kann nur einzelne Körperteile zeigen, z. B. die Hände etc. Diese Vorüberlegungen wurden dann auch noch einmal gemeinsam mit Frau Mentes, der Projektleiterin von Stadtgrenzenlos, bei den eigentlichen Dreh-Terminen besprochen. Das Drehbuch war vorgegeben, die Abläufe orientierten sich an der normalen Tagesstruktur. So konnten alle ihre erlernten Arbeitsabläufe zeigen. Am ersten Drehtag wurden in der Küche Kekse gebacken. Der zweite Tag fand in unseren Bereichen Haus-Reinigung und Wäsche-Pflege statt.

Wie sind die Qualifikanten mit der Film-Situation umgegangen?

Sehr gut, sie waren sehr offen und unvoreingenommen.

Den Qualifikant*innen hat das Projekt viel Spaß gemacht. Bei allen, die sich für die Arbeit vor der Kamera entschieden hatten, gab es keine Berührungsängste oder Nervosität. Sie haben sich sehr natürlich vor der Kamera bewegt.

Haben alle Qualifikant*innen mitgemacht?

Es gab diejenigen, die vor der Kamera „mitspielten“. Eine ganze Reihe haben sich mit den verschiedenen digitalen „Geräten“, wie Smartphones, Tablets und You Tuber Kameras, wie die Canon Legria, auseinandergesetzt. Vor allem die Nutzung der Tablets war für viele sehr attraktiv, da diese ähnlich wie Smartphones funktionieren und der Umgang damit bereits erlernt ist. Nach einiger Zeit ließ das Interesse an dem eigentlichen Filmdreh jedoch nach. Die Geräte wurden dann auch genutzt um z. B. Selfies zu schießen.

Gibt es ein vertieftes Interesse der Qualifikant*innen an der Arbeit mit digitalen Medien?

Ja. Wir haben in einer Befragung, die jedoch ein paar Monate vor dem Filmdreh durchgeführt wurde, herausgefunden, dass bis auf eine Person alle ein Smartphone besitzen. Die Beschäftigung in der Freizeit findet immer mehr mit digitalen Medien statt. Durch das Smartphone ist der Zugang zu digitalen Medien sehr attraktiv und simpel geworden. Fast alle nutzen also aktiv digitale Medien und zeigen großes Interesse an medienpädagogischen Projekten.

Wie könnte die Arbeit aussehen?

Es gab ursprünglich die Idee im Rahmen des Imagefilms ein Interview mit einem Qualifikanten über die Arbeit des Bereichs LERNEN + ARBEITEN zu machen. Im Gesprächsverlauf zeigte sich, dass es „spannender“ war, ihn von seinen Erfahrungen mit digitalen Medien erzählen zu lassen. So erfuhr man, dass er eine eigene Website hat und sich intensiv mit PC-Spielen auseinandersetzte.

Die Beschäftigung mit digitalen Medien ist kein ursächlicher Arbeitsauftrag von LERNEN +ARBEITEN. Dennoch ist es vorstellbar, Arbeitsanweisungen von Qualifikant*innen filmisch umsetzen zu lassen, da das visuelle Lernen häufig einfacher fällt. Angedacht ist auch ein Medienprojekt zum Thema „Bewerbung“.

Fazit

Aktive Medienarbeit ist Kernstück inklusiver Medienbildung. Die Arbeit an dem Imagefilm hat gezeigt, dass die gemeinsam Auseinandersetzung mit digitalen Medien Erfahrungsräume schafft, die Menschen mit und ohne Behinderung in eine Arbeitssituation auf Augenhöhe bringt.

Mit dem Projekt wurden erste Einblicke in die Zielgruppe gewonnen. Parallel sind dazu weitere digitale Projekte mit einem weiteren Bereich der intra bonn durchgeführt worden.

So ist das erste große Ziel, weitere Erfahrungen mit und in der Zielgruppe der Menschen mit Behinderung zu sammeln. Dabei geht es vor allem darum, die individuelle Medienkompetenz zu fördern und zu stärken, die Akzeptanz zu erhöhen und weitere Anlässe zur Arbeit mit digitalen Medien zu schaffen.

Stadtgrenzenlos wird die intra bonn beim Umgang mit digitalen Medien weiter begleiten und unterstützen.


Tipps für die Filmarbeit mit Menschen mit Behinderung

Es gibt keine grundsätzlich andere Herangehensweise an die Filmarbeit.
Einige Besonderheiten sind allerdings zu beachten:
• Die Vorarbeit muss klar strukturiert werden. Die Teilnehmer sollten frühzeitig informiert werden und in die Planung mit ihren Wünschen eingebunden werden.
• Ganz wichtig: Leichte Sprache, klare Informationen in kurzen Sinnabschnitten
• Klare Strukturierung des Ablaufs
• Kein definiertes Drehbuch mit Einstellungen, da es den Teilnehmern schwer fällt, Szenen identisch zu wiederholen
• Geplante Einstellungen vorab kurz erklären
• Keine langen Drehabschnitte
• Technisches Equipment, dass die Teilnehmer selber nutzen können: Tablets, Smartphones, You Tuber Kamera


Informationen zum Verfassser
Klaus Brouwers

begleitet als Redakteur der Agentur kippconcept das Portal Stadtgrenzenlos. Er berichtet für Fachkräfte der sozialen Arbeit über digitale Projekte und Partizipationsprozesse in der Kinder- und Jugendhilfe des Godesheims.

Das könnte Sie auch interessieren