Digitalisierung der Kinder- und Jugendhilfe – Meilen- und Stolpersteine des digitalen Wandels


Autor: Jan Graf

Die Digitalisierung stellt Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe vor vielfältige Herausforderungen. Die Lebenswelten junger Menschen befinden sich in einem Wandel und damit auch die Anforderungen an die fachliche Arbeit. Gleichzeitig führen die dynamischen Entwicklungen ebenso zu Veränderungen in den Strukturen und Handlungsabläufen von Einrichtungen. Im Rahmen eines Workshops auf dem Netzwerktreffen der Telekom Stiftung am 2.2.2018 in Bonn hat das Team von Stadtgrenzenlos fachliche sowie organisatorische Aspekte des digitalen Wandels mit Fachkräften verschiedener Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe diskutiert.

Der Workshop startete mit einem Einblick in den Entwicklungsprozess der Ev. Jugendhilfe Godesheim zum Thema Digitalisierung. Seit rund zwei Jahren berät und unterstützt Stadtgrenzenlos den Bonner Jugendhilfeträger auf diesem Weg. Neben Praxisprojekten und der unmittelbaren (Medien-)Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wurden ebenso Veränderungen auf der organisatorischen Ebene, wie etwa die Benennung von Medienbeauftragten, das Konzept der Digitalwerkstatt oder die Arbeit der Steuerungsgruppe, vorgestellt.  Im Anschluss wurden unter den Kategorien „Meilensteine“, „Stolpersteine“ und „Tipps“ die Einschätzungen und Erfahrungen der Workshopteilnehmer gesammelt. Die zentralen Ergebnisse werden im Folgenden in Kürze dargestellt:

Meilensteine

Als Meilensteine im Bereich Digitalisierung wurden in der Diskussion vor allem zwei Punkte hervorgehoben: Das Bewusstsein um die Relevanz der Thematik ist aus Sicht der meisten Teilnehmer heute bereits deutlich stärker ausgeprägt als in der jüngeren Vergangenheit. In vielen Einrichtungen sind in den vergangenen zwei Jahren  Arbeitsgruppen, Angebote und Projekte entstanden, die sich eigens mit “Medienthemen“ befassen. Diese Entwicklung stehe zwar noch am Anfang, doch mit der intensiveren Auseinandersetzung sei ein erster wichtiger Schritt getan, lautete der Tenor.

Mit Blick auf die Praxis wurde die Einrichtung von offenen WLAN-Netzwerken als positive Entwicklung vielfach benannt. Durch die Änderungen des Telemediengesetzes und dem Wegfall der sog. Störerhaftung kann nun freies Internet angeboten werden.  Anbieter bzw. Jugendhilfeeinrichtungen müssen ihr WLAN nicht mehr zwangsläufig verschlüsseln Nach Erfahrung der Fachkräfte hat die Neuregelung zu einer deutlichen Entspannung der Internetnutzung in Jugendzentren und Wohngruppen beigetragen.

Stolpersteine

Bei der Diskussion der Hürden, die Trägern der Kinder- und Jugendhilfe im Prozess der Digitalisierung begegnen,  wurde die Komplexität der Thematik noch einmal deutlich. Die benannten „Stolpersteine“ bezogen sich dabei auf drei grundlegende Aspekte: eine – insbesondere im Falle von sozialen Unternehmen – offensichtliche Hürde ist die fehlende oder veraltete Ausstattung sowie mangelnde finanzielle Ressourcen. Aus Sicht vieler Fachkräfte lassen die technischen Voraussetzungen in ihren Einrichtungen nur wenig Spielraum für die Gestaltung neuer Angebote und Projekte. Neben einer schnellen Internetverbindung fehle es vor allem an aktueller Soft- und Hardware. Insbesondere in stationären Hilfeformen sei die Situation erfahrungsgemäß besonders schwierig. Ein umfassendes Medienkonzept, das sich nicht auf einzelne Projekte beschränkt, sondern sich im pädagogischen Alltag wiederfindet, ließe sich mit der vorhandenen Ausstattung kaum umsetzen.

Eine weitere vielfach genannte Hürde stellt der Bereich Kommunikation dar. Unabhängig von der Größe der Einrichtung oder des Trägers ist die digitale Kommunikation zwischen Fachkräften und AdressatInnen ein zentrales Thema. Dass der Kontakt über WhatsApp oder andere soziale Netzwerke datenschutzrechtlich bedenklich ist, steht aus Sicht  der Pädagogen gar nicht zur Frage; vielmehr fehle es an Alternativen und gangbaren Lösungen für die Praxis. Mit einem einfachen Verbot sei dieses Thema nicht gelöst.

Während die Mehrheit der Fachkräfte der Meinung ist, dass mittlerweile eine stärkere Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in ihren Einrichtungen stattfindet, wurde das Fehlen einer umfassenden „Digital-Strategie“ als entscheidende Hürde benannt. Hier sehen die Fachkräfte die Einrichtungsleitung in der Verantwortung. Als Bestandteile einer umfassenden Strategie wurden Fort-und Weitbildungsangebote für Mitarbeitende, ein bedarfsgerechtes Ausstattungskonzept, feste Regelungen für die Praxis sowie die Erstellung eines medienpädagogischen Leitbildes genannt.

Tipps

Unter der Kategorie „Tipps“ wurde vor allem die Bedeutung der Netzwerkarbeit sowie des Austausches mit Kollegen über die Einrichtungsgrenzen hinaus betont. So wurde argumentiert, dass sich mit Blick auf den digitalen Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen und Klärungsbedarfe viele Einrichtungen und Träger der Kinder- und Jugendhilfe in einer ganz ähnlichen Situation befinden. Von dem Austausch über neue Strukturen, Konzepte und Projekte können alle Beteiligten profitieren. Das Netzwerktreffen der „Ich kann was!“ Initiative bot hierfür eine optimale Gelegenheit.


Informationen zum Verfassser
Jan Graf

lebt in Bonn, arbeitet bei Stadtgrenzenlos und betreut verschiedene Projekte, darunter auch das digitale Partizipationsprojekt WeReport. Als Sozialgeograph liegen ihm die Themen Flucht und Migration, physische und virtuelle Raumaneignung sowie Teilhabe an der Stadtgesellschaft besonders am Herzen.

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