Digitaler Medienkonsum & Digital Care: Wie sich Hilfeformen weiterentwickeln

Die Digitalisierung stellt Jung und Alt vor vielfältige Herausforderungen im Alltag. Daher ist es wichtig, junge Menschen für die digitale Welt fit zu machen. Digitale Erziehung gehört unabdingbar in eine moderne Kinder- und Jugendhilfe. Neben technischen Kompetenzen müssen junge Menschen lernen, verantwortungsvoll zu handeln und sie sollen lernen, ihre digitale Welt aktiv mitzugestalten.

Deshalb müssen Jugendhilfeangebote weiterentwickelt werden. Darüber hinaus gilt es, spezifische Angebote für Jugendliche mit äußerst problematischem Medienverhalten vorzuhalten.

Die Ev. Jugendhilfe Godesheim setzt sich schon längere Zeit intensiv mit diesen Themen auseinander. In Kooperation mit stadtgrenzenlos wurden im Laufe der vergangenen zwei Jahre viele neue digitale Angebote in der Jugendhilfe verankert und auch neue Angebote konzipiert.

Seit einem guten halben Jahr beschäftigt sich darüber hinaus eine Arbeitsgruppe intensiv mit dem Thema „Digital Care“. In der Arbeitsgruppe zur Entwicklung eines anamnestischen Instrumentes sind Fachkräfte verschiedener Bereiche vertreten wie beispielsweise Psychologen, Sozialpädagogen, Medienpädagogen und Vertreter von stadtgrenzenlos.

Ziel ist es, ein alltagstaugliches Handwerkszeug zu entwickeln, mit dessen Hilfe der Medienkompetenzrahmen eines jungen Menschen und sein Verhalten in der Medienwelt greifbar wird – durch gezielte Betrachtung wird deutlich, was der Einzelne mitbringt, auf welchen Brettern der digitalen Welt er sich sicher bewegt und welche Unterstützung er zur „digitalen Fitness“ noch braucht.

Punkte wie Nutzungsmotive, Anwendungskompetenzen, soziale Beziehungen, Werte und Normen, und einiges mehr, werden mit Hilfe determinierter Ankerwerte evaluiert – die Arbeitsgruppe bedient sich hierbei der Logik eines in der Einrichtung seit Jahren genutzten Evaluationsinstrumentes namens WIMES.

Wir haben Antje Martens bzgl. ihrer Erfahrungen in der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Instrumentes „Digital Care“ befragt.

Frau Martens ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet als Mitarbeiterin der Ev. Jugendhilfe Godesheim seit vielen Jahren gesellschaftsübergreifend, u. a. mit dem Schwerpunkt der Qualitätsentwicklung. Hier ist sie auch für die Implementierung und Weiterentwicklung des Instrumentes WIMES (Wirkungen messen) sowie diesbezüglich für Teambegleitungen verantwortlich. WIMES ist eine erprobte und wissenschaftlich fundierte Methode, Hilfen zur Erziehung wirkungsorientiert zu steuern, zu dokumentieren und zu evaluieren. (s. auch http://www.els-institut.de). Darüber hinaus können individuelle Betreuungsplanungen gezielt über WIMES abgebildet werden.

Frau Martens, wofür steht „Digital Care“?

„Digital Care steht ganz allgemein für digitale Fürsorge. Wir haben „Digital Care“ als Arbeitstitel gewählt. Hierunter lassen sich viele verschiedene Punkte abbilden, mit Hilfe derer wir den Medienkompetenzrahmen und das mediale Verhalten junger Menschen erfassen möchten. Unser Ziel ist es, individuell einschätzen zu können, wie sicher oder unsicher sich ein junger Mensch in der digitalen Welt bewegt und wo er Beratung und Unterstützung benötigt.

Dazu haben wir zu vielen Punkten Beschreibungen als feste Anker formuliert und diese mittels Noten von 1 bis 7 bewertet: 1 (= sehr gute Kompetenzen) bis hin zu 7 (= sehr schlechte Kompetenzen bis hin zu gefährlichem und gefährdetem Verhalten). Das Schulnotensystem erscheint uns dabei hilfreich und ist uns aus der Arbeit mit WIMES sehr geläufig.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, dann wird es greifbarer. Wir schauen uns beispielsweise den Punkt beobachtbare Verhaltensveränderungen als Auswirkung des Medienkonsums an. Bewegt sich ein junger Mensch im 1er Bereich, so hat er in Bezug auf den Medienkonsum keine beobachtbaren Verhaltensveränderungen. Bewegt er sich bei 3, so wäre es möglich, dass er Widerstand zeigt, wenn die PC-Nutzung zeitlich reglementiert wird. Bei 5 wäre vielleicht schon eine deutliche Gereiztheit und Unruhe bei Nutzungseinschränkungen oder auch Lügen und Tricksereien zu beobachten. Bei 7 wären wir bei extremen Verhaltensveränderungen, die sich beispielsweise in Aggressionen oder der Umkehr des Tag- und Nacht-Rhythmus ausdrücken könnten.“

Was sind aus Ihrer Sicht die Haupt-Herausforderungen?

„Die Kriterien konkret zu formulieren, ist wirklich eine Herausforderung. Die Formulierungen müssen allgemeinverständlich sein und für alle Nutzer inhaltlich dasselbe bedeuten.  Wenn man sich mit den aktuellen Diskussionen und der Literatur rund um das Thema auseinandersetzt, dann gibt es für ein und dieselbe Sache immer neue Termini – das ist für den eh anstrengenden Jugendhilfealltag nicht gerade förderlich. Also müssen wir das irgendwie fluffiger hinbekommen.

Wichtig für die aktuelle Ausarbeitung des Themas ist es, eine kleine Arbeitsgruppe zu haben, die sich intensiv reinkniet, um gut voran zu kommen. Auf jeden Fall sollten – und das haben wir berücksichtigt – Fachleute unterschiedlicher Fachrichtungen vertreten sein (Psychologie, Medienpädagogik, Sozial-Pädagogik…).

Ebenso ist es wichtig, das Thema Qualitätsentwicklung hoch zu halten und sicherzustellen, dass „Digital Care“ dem Bedarf angepasst wird. Es ist nicht in Stein gemeißelt. Bei Digital Care gilt: „Der Weg ist das Ziel“, das heißt, Qualitätsentwicklung funktioniert nur als kontinuierlicher Prozess mit stetigem Tun und Abgleich im Alltag, Reflexion und entsprechenden Anpassungen und Erweiterungen.“

Wieso WIMES und wie findet Digital Care dort statt?

„WIMES ist ein Online-Instrument zur Fallsteuerung, das wir in der Ev. Jugendhilfe Godesheim seit vielen Jahren in Kooperation mit dem els Institut in Aprath anwenden. Einerseits um die Wirkung unserer Hilfen zur Erziehung zu erfassen, andererseits um Betreuungsplanungen individuell und entlang des Jugendhilfeauftrages zu dokumentieren.

WIMES bildet die zentralen Ziele der Jugendhilfe ab und erfasst Kinderrechte, Familie und die Entwicklung junger Menschen in zwölf Dimensionen. Damit lassen sich relevante Problemlagen, Risiken bzw. Kompetenzen und Ressourcen im Verlauf einzelner Hilfen wiederholt einschätzen, sodass gute, ebenso wie auch schlechte Wirkungen im Verlauf deutlich werden.

Die Ev. Jugendhilfe Godesheim hat in den letzten Jahren neben den von els entwickelten zwölf Dimensionen eine weitere Dimension zum Thema „Sexuelle Bildung“ in Kooperation mit dem Institut für Sexualpädagogik, ISP Dortmund erarbeitet und sowohl in WIMES abgebildet, als auch konzeptionell verankert. „Digital Care“ ist daneben eine zusätzliche Dimension, die wir im Rahmen der individuellen Betreuungsplanung in WIMES abbilden möchten.“

Wie soll Digital Care später eingesetzt werden?

“Alle WIMES Dimensionen – das sind Dimensionen, die das Familiensystem als Ganzes betrachten und Dimensionen, die sich individuell auf den Einzelnen beziehen – werden jeweils bei Aufnahme eines Klienten, im Verlauf jeder Hilfe- und Betreuungsplanung sowie letztlich bei Entlassung eines Klienten aus der Erziehungshilfe bearbeitet. Mithilfe der hinterlegten Fragen und Ankerwerte kommen die Fachkräfte bei jedem Punkt zu einer Einschätzung mit der sie dann arbeiten. So auch zu Digital Care. Es gibt Kinder und Jugendliche mit niedrigem, mittlerem oder hohem Lernbedarf bis hin zu Jugendlichen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben.

Medienberatung und -begleitung gehört unabdingbar in den Erziehungshilfealltag. Inzwischen haben wir durch die Kooperation mit der Fachstelle für Jugendmedienkultur sowie stadtgrenzenlos viele Angebote für Kinder und Jugendliche, die ihre digitalen Kompetenzen erweitern. Bei Jugendlichen mit höherem oder extrem hohem Bedarf sieht das Ganze nochmal anders aus – hier wird dann sicher ein gezielter Auftrag seitens des zuständigen Jugendamtes vorliegen, sodass Digital Care immer in Verbindung mit der Hilfeplanung zum Tragen kommt.“

Wann läuft Digital Care mit WIMES aus Ihrer Sicht optimal?

„Digital Care läuft dann optimal, wenn es von den Fachkräften kontinuierlich im Hilfeverlauf genutzt wird. Wichtig ist, dass das Instrument nach Altersgruppen differenziert verankert wird. Und last not least, dass die technischen Rahmenbedingungen erfüllt sind und einwandfrei funktionieren.“

Wie geht es weiter?

„In einer Kleingruppe werden wir die Ankerwerte zu den einzelnen Wertungsstufen finalisieren und dann zur Überprüfung, ob alles so verstanden wird und alltagstauglich ist, der größeren Arbeitsgruppe vorstellen. Wenn alle Fachbereiche mit dem Ergebnis zufrieden sind, möchten wir Digital Care als weitere „Godesheim-Dimension“ in das „Tool“ WIMES aufnehmen.“