WeReport – Ein Projekt zur digitalen Partizipation und beruflichen Qualifizierung junger Geflüchteter


Autor: Jan Graf

Jahresbericht

Die Redaktion von WeReport blickt auf ein spannendes und ereignisreiches erstes Jahr zurück. In dem, von der Uno-Flüchtlingshilfe geförderten, Projekt berichten junge Menschen aus ihrer Kommune, erstellen Reportagen, Interviews und Artikel und setzen sich – in Form von Fotostorys sowie Kurzfilmen – kreativ mit verschiedenen Aspekten des Lebens in Deutschland auseinander. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.   

Projektverlauf und bisherige Ergebnisse

Noch vor dem offiziellen Start von WeReport im November 2016 bot ein Medienworkshop, der gemeinsam mit der Fachstelle Jugendmedienkultur NRW organisiert wurde, einen gelungenen Einstieg in das Projekt. Insgesamt 18 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus unterschiedlichen Wohngruppen der Ev. Jugendhilfe Godesheim nahmen an dem Workshop am Wochenende vom 26.08.-28.08.2016 in Königswinter teil. In zwei Workshop-Modulen erarbeiteten die Teilnehmer Grundlagen im Umgang mit der Ton- und Videotechnik und erstellten erste Probeaufnahmen.   Unter dem Motto „typisch deutsch!“ entstanden im Anschluss mehrere Interviews, inden die Teilnehmer sich gegenseitig zu ihren Erfahrungen und Einschätzungen befragten.  Neben der Einführung in die Videoarbeit schaffte das gemeinsame Wochenende in erster Linie aber einen Rahmen, um sich besser kennenzulernen und erste Themen für das Projekt zu sammeln. http://stadtgrenzenlos.de/medienworkshop-mit-dem-wereporter-team/ Zwölf der 18 Workshop-Teilnehmer nahmen am ersten offiziellen Treffen der Projektgruppe am 02.11.2016 teil. Seit November 2016 kommt die Projektgruppe jeden Mittwochnachmittag zu einem zweistündigen Redaktionstreffen in unsere Digitalwerkstatt Gustav 2.0im Gustav-Heinemann-Haus, Bonn-Tannenbusch, zusammen. Hinzu kommen Ausflüge, Veranstaltungsbesuche sowie Interviewtermine, die zusätzlich zu den wöchentlichen Treffen stattfinden. Ebenso trifft sich ein Teil der Projektgruppe in regelmäßigen Abständen, um das entstandene Bildmaterial zu schneiden und zu bearbeiten. 

Die Themenpalette sowie das Format der Beiträge sind breit gefächert. Neben Interviews, Veranstaltungsberichten sowie kürzeren Artikel entstehen ebenso Beiträge, die sich kreativ mit dem Thema „Ankommen“ auseinandersetzen. Nach der Fertigstellung eines Beitrags werden während der Redaktionssitzungen gemeinsam neue Themen diskutiert, ein grober Zeitplan aufgestellt und die Aufgaben innerhalb der Gruppe verteilt. Bei der Gestaltung der Beiträge werden jeweils neue Inhalte und Techniken vorgestellt, die anschließend in praktischen Übungen verfestigt werden. Die Erstellung der Fotostory „Ein großer Schock“ wurde beispielsweise mit einer Einführung in die Kameratechnik sowie den verschiedenen Einstellungsgrößen verbunden. Die eigentliche Arbeit an den Beiträgen nimmt daher meist nur einen kleineren Teil der Zeit in Anspruch. Seit November vergangenen Jahres sind im Projekt 15 einzelne Beiträge entstanden, zwei weitere befinden sich noch in der Bearbeitung. Im Folgenden werden die bisherigen Ergebnisse in Kürze vorgestellt:

  • Aufbauend auf den Ergebnissen des Medienworkshops wurde mit einem Teil der Gruppe das Thema „Interviewführung“ vertieft. Dazu besuchten die Jugendlichen die Ausstellungen „Der Rhein“ und „Touchdown“ in der Bundeskunsthalle und befragten sich anschließend gegenseitig zu ihren Eindrücken. Die Antworten wurden mit einem Tonaufnahmegerät festgehalten und anschließend mit dem Programm „Audacity“ gemeinsam bearbeitet. Abrufbar sind die Beiträge unter: http://stadtgrenzenlos.de/wereporter-besuchen-ausstellung-touchdown-bundeskunsthalle/http://stadtgrenzenlos.de/wereporter-besuchen-ausstellung-bundeskunsthalle-biografie-eines-flusses-der-rhein/
  • Parallel zu der Erstellung der Interviews wurde mit der Arbeit an der „WeReporter-Map“ begonnen. Mithilfe der App „mymaps“ von Google erstellen die Jugendlichen ihre eigene digitale Karte von Bonn und beschreiben interessante sowie wichtige Orte in Form von Texten, kurzen Videoclips und Fotos. An zwei Nachmittagen traf sich das Team in der Bonner Innenstadt und sammelte erste „points of interest“. Die Gestaltung der Karte wurde verbunden mit dem Aufbau eines „Redaktionssystems“. Hierzu erstellten alle Teilnehmer eigene Google-Mailadressen, die mit einem gemeinsamen GoogleDrive-Ordner verknüpft wurden. Auf diese Weise können alle WeReporter auf Fotos und Videos des Projekts zugreifen und eigenständig neue Punkte in die Karte eintragen. Die Karte wird weiterhin „befüllt“ und soll in den kommenden Wochen veröffentlicht werden.
  • Im Anschluss startete das gesamte Team mit der Ausgestaltung einer Fotostory zum Thema „Die Sprachbarriere“. In einem ersten Schritt wurden Ideen gesammelt und ein Storyboard erstellt. Nachdem eine Story ausgewählt und die Rollen in der Gruppe verteilt waren, folgte eine kurze Einführung in die Nutzung der Kameras sowie ein Überblick über die verschiedenen Einstellungsgrößen. Die Aufnahmen für die Geschichte entstanden an zwei Nachmittagen und wurden von den Jugendlichen später mit der App „StripDesign“ zusammengefügt. http://stadtgrenzenlos.de/fotostory-mit-app-erstellen/
  • Am 16. März 2017 nahm das WeReporter-Team an der „Konferenz im Godesheim“ teil. Während der Veranstaltung mit weit über einhundert pädagogischen Fachkräften wurden Mitarbeiter der Ev. Jugendhilfe Godesheim zu ihrer Mediennutzung befragt. Die Interviews wurden im Schnellverfahren bearbeitet und zum Abschluss der Konferenz auf einer großen Leinwand gezeigt. http://stadtgrenzenlos.de/stadtgrenzenlos-auf-der-konferenz-im-godesheim-am-16-maerz-2017/
  • Das WeReporter-Team war vom 28.-30. März 2017 zu Gast beim 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf und stellte erste Ergebnisse des Projekts auf der Messe vor. Die verbleibende Zeit wurde genutzt, um insgesamt sechs Interviews mit verschiedenen Organisationen zu führen; u.a. mit dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. http://stadtgrenzenlos.de/wereporter-fuehren-interviews-bei-verschiedenen-veranstaltungen-durch/
  • Unter den Titeln „Ein Tag in meinem Leben“ sowie „Deutschland! – Was läuft anders?“ entstanden im April 2017 mehrere kurze Artikel, in denen die Jugendlichen sich mit den Unterschieden zwischen ihrem Heimatland und ihrem neuen Lebensort auseinandersetzten. Texte, die auf Dari und Arabisch entstanden waren, wurden anschließend ins Deutsche übersetzt. Die fertigen Beiträge wurden von den Autoren über ein CM-System von WordPress eigenständig auf stadtgrenzenlos.de eingestellt: http://stadtgrenzenlos.de/ein-tag-in-meinem-leben-ahmad/http://stadtgrenzenlos.de/deutschland-was-ist-anders-von-farid/
  • Am 08. Mai 2017 nahm das Team an der Veranstaltung „Bad Godesberg – Zwei Welten?“ im OneWorld-Cafe teil und befragte die geladenen Gäste zu den Entwicklungen im Stadtteil. Insgesamt entstanden vier Interviews, die sie hier finden: http://stadtgrenzenlos.de/bad-godesberg-zwei-welten/
  • Am 24. August besuchten die WeReporter die GamesCom in Köln und verschafften sich einen Überblick über die neusten Entwicklungen und Trends der Games-Branche. Die Eindrücke von der Messe wurden in Form kurzer Interviews festgehalten.  Das entstandene Bildmaterial wird in den nächsten Wochen zu einem Erfahrungsbricht zusammengeschnitten.
  • Seit Mitte Mai arbeitet das Team an dem Kurzfilm „Sag einfach ja“, in dem sich die Jugendlichen auf humorvolle Weise mit ihren Erfahrungen mit den deutschen Behörden auseinandersetzen. In einem ersten Schritt wurden zunächst Ideen gesammelt und ein umfassendes Storyboard erstellt. Als Vorbereitung für den Dreh folgten weitere Übungen zum Einsatz der Kamera- und Tontechnik. Das bisher – nach 8 Drehtagen – entstandene Material wird etwa vier Minuten im fertigen Film ausmachen. http://stadtgrenzenlos.de/das-making-of-die-wereporter-drehen-einen-film/

Projektgruppe und Herausforderungen

Seit dem Beginn des Projekts hat sich die Zusammensetzung des Teams mehrfach geändert. Einige Teilnehmer, die von Projektbeginn an dabei waren, wurden in andere Städte und Kommunen umverteilt. Andere können aufgrund ihrer Verpflichtungen in der Schule, Deutschkurs oder Ausbildung nicht mehr zu den Redaktionssitzungen kommen. So schwankt die Gruppengröße seit dem Start zwischen sechs und sechszehn Teilnehmern. Momentan nehmen zehn junge Männer aus Syrien, Afghanistan, Iran und dem Irak im Alter zwischen 15 und 22 Jahren regelmäßig an den Sitzungen teil. Alle Teilnehmer sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, aber nur etwa die Hälfte wird in Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe betreut. Drei Jugendliche leben mit ihren Familien in den Flüchtlingsunterkünften in der ehemaligen Poliklinik sowie in der Riemenschneiderstraße. Weiter nehmen vier junge Volljährige, die zuvor in Wohngruppen der Ev. Jugendhilfe Godesheim gelebt haben, an den Redaktionssitzungen teil. 

So vielfältig wie die Themen der Redaktion sind auch die Interessen, Deutschkenntnisse und Medienkompetenzen der Teilnehmer. Während der Treffen teilt sich das Team daher oft in zwei Gruppen auf und arbeitet parallel an unterschiedlichen Beiträgen. Während einige Jugendliche Spaß an der Arbeit „vor der Kamera“ haben, interessieren sich andere Teammitglieder in erster Linie für die technische Umsetzung und Bearbeitung der Videos.

Trotz des großen Altersunterschieds sowie der unterschiedlichen sprachlichen Kompetenzen funktioniert die Zusammenarbeit in den Kleingruppen zumeist sehr gut. Allerdings gestaltet sich die Planung der Aktivitäten aufgrund des häufigen Wechsels in der Zusammensetzung der Projektgruppe oftmals schwierig. Der Aufbau sowie die Inhalte der Beiträge müssen stets an die aktuelle Zusammensetzung des Teams angepasst werden. Außerdem müssen neue Teammitglieder zunächst in das Projekt, die Techniken und das aktuelle Thema eingeführt werden. Zudem ist es wichtig, bei der Aufgabenverteilung sensibel auf die individuellen Stärken und Schwächen der Jugendlichen einzugehen. Zwar eignen sich gerade Foto- und Videoprojekte sehr gut, um Verständigungsbarrieren zu überbrücken, dennoch muss darauf geachtet werden, die Jugendlichen mit ihrem „Job“ nicht zu überfordern. In der wechselnden Konstellation der Gruppe stellt dies oftmals eine echte Herausforderung dar. Auch der Kontakt zu den Sorgeberechtigten bzw. Vormündern der Teilnehmer gestaltet sich nicht immer ganz einfach. Um Bildmaterial von den minderjährigen Teilnehmern ins Netz stellen zu können, müssen ihre Vormünder der Veröffentlichung zustimmen. Dabei hat sich bisher noch kein Vormund gegen eine Veröffentlichung von Bildern oder Videos ausgesprochen. Jedoch erfolgt in vielen Fällen – trotz mehrfacher Versuche – schlicht keine Rückmeldung. Das entstandene Bildmaterial muss dann entsprechend angepasst werden, um es auf der Website stadtgrenzenlos.de veröffentlichen zu können. 


Hintergrund und Projektziele

Digitale Medien sind ein fester Bestandteil der Lebenswelten junger Menschen. Für geflüchtete Jugendliche gilt dies in ganz besonderer Weise. Ohne Smartphones, Apps und soziale Netzwerke wäre ihre Flucht kaum möglich gewesen. Aber auch nach der Ankunft in Deutschland sind die Mobilgeräte und ein Zugang zum Netz für die jungen Menschen unentbehrlich. Sie ermöglichen den Kontakt zur Familie und sind oftmals der einzige Weg, um an erste Informationen zu gelangen. Vor allem aber verhelfen Smartphones den Neuankömmlingen – zwischen Inobhutnahme, möglicher Umverteilung und eventuellem Asylverfahren – zu einem gewissen Maß an Eigenständigkeit in ihrem neuen Lebensumfeld.

Das Projekt WeReport knüpft an diese fundamentale Bedeutung digitaler Medien in dem Erlebnishorizont der Jugendlichen an und unterstützt sie dabei, ihre neue Stadt Schritt für Schritt eigenständig zu erschließen. Die gemeinsame Gestaltung der Beiträge soll den Projektteilnehmern die Möglichkeit bieten Kenntnisse zu vertiefen, neue Techniken zu erproben und einen Überblick über mögliche zukünftige Berufe zu bekommen. Ebenso soll die Medienarbeit einen Rahmen schaffen, um neue Räume und Kontakte in der Stadt zu erschließen, Deutschkenntnisse zu verbessern, Freundschaften zu schließen und sich über Erfahrungen auszutauschen. Die Ergebnisse der Reporterteams werden anschließend auf der Website von stadtgrenzenlos veröffentlicht und können neuankommenden Jugendlichen als authentische Orientierungshilfe dienen.

Informationen zum Verfassser
Jan Graf
Jan Graf

lebt in Bonn, arbeitet bei Stadtgrenzenlos und betreut verschiedene Projekte, darunter auch das digitale Partizipationsprojekt WeReport. Als Sozialgeograph liegen ihm die Themen Flucht und Migration, physische und virtuelle Raumaneignung sowie Teilhabe an der Stadtgesellschaft besonders am Herzen.


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