Autoren: Klaus Brouwers, Jolie Summer, Lukas Geller

Rap: Sprachrohr und multikulturelles Medium – Das erste Open Rap Freestyle im Gustav 2.0.

Wie kann man die Lebensrealitäten von Jugendlichen kennenlernen, ohne sie als „Fallstudie“ zu betrachten? Wie kann man sie unterstützen, eine eigene Stimme zu entwickeln? Und wie kann man Raum schaffen, damit sie ihre Lebenserfahrung ausdrücken können?

Musik ist von jeher ein gutes Vehikel, eigene Gefühle, Ansichten und Einsichten auszudrücken. Rap bietet seit Jahren gerade für Jugendliche den musikalischen und inhaltlichen Rahmen. Hier eröffnen sich neue Wege, die eigene Sprache zu sprechen, das eigene Lebensgefühl zu transportieren. Angesprochen fühlen sich gerade deshalb Jugendliche aller Nationalitäten, Religionen und Kulturkreise, Jungen wie Mädchen.

Mit dem ersten Open Rap Freestyle möchten die Pädagogen Peppa und Lukas Geller – beide auch begeisterte Musiker – gemeinsam mit Stadtgrenzenlos für Jugendliche eine Plattform schaffen, auf der sie sich mit ihren Geschichten und Gefühlen ausdrücken können.


Das Open Rap Freestyle im Gustav 2.0

Ende Juli diesen Jahres treffen sich im Gustav 2.0 rund 50 Jugendliche zu einer Rap Open Mic Session unter der Leitung von Peppa  und dem Gitarristen Lukas Geller. Es kommen junge Geflüchtete aus unterschiedlichen Ländern, Jugendliche aus unterschiedlichen Wohngruppen der EJG aber auch Jugendliche aus der offenen Jugendarbeit im Stadtteil Medinghoven. Besonders schön: es kommen Mädchen wie Jungen.

Gemeinsam mit dem Gitarristen stellt Peppa die Spielregeln vor. Jeder ist willkommen. Jeder kann das machen und singen, was er oder sie möchte. Das einzige Ausschlusskriterium: Beleidigungen, die über das im Rap „normale“ Maß hinausgehen.

Die Beats werden gestellt, oder vom eigenen Smartphone auf die Musikanlage gespielt.

Der Beginn ist zögerlich. Viele der rund 50 Teilnehmer sitzen und stehen in kleinen Gruppen, suchen im Internet nach Texten und Beats. Die Stimmung ist aufgekratzt, locker und laut. Die Musik lockt weitere Jugendliche von draußen, andere gehen für eine Weile weg, kommen wieder. Das Kommen und Gehen gehört zum Konzept. Es gibt kein Programm, nur einen lockeren Rahmen. Peppa und Lukas fangen an, mit selbstgemachten Beats zu rappen. Sie rappen allein und gemeinsam. Es geht den beiden darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass es egal ist, wie alt man ist, wo man herkommt. Für die beiden hat „Jede“ und „Jeder“ etwas zu erzählen.

Am Anfang sind die Jugendlichen noch eher abwartend und neugierig, ein Jugendlicher hat wohl sogar extra einen persönlichen Text vorbereitet und tigert unruhig umher. Seine Freunde pushen ihn, wollen, dass er loslegt.

Über die Musik und Raps von Peppa und Lukas gelingt es, eine Brücke zu schlagen und die ersten Jugendlichen trauen sich.

Der erste trägt einen eigenen Text vor und liefert sich später noch ein „Battle“ mit Lukas. Erste Wünsche nach konkreten Stilrichtungen werden genannt, zwei, drei weitere versuchen sich am Mikro.

Ein jugendlicher Flüchtling rappt in seiner Muttersprache. Er erzählt später, dass der Text von seiner Mutter und Familie handelt.

Nach einer Pause und gemeinsamen Pizzaessen tauschen sich die Jugendlichen mehr und mehr über ihre Musikwünsche aus. Erste Unterschiede im Musikstil werden deutlich.

Die Jugendlichen unterhalten sich mit Peppa und Lukas über das Rappen und Musikmachen. Es ist offensichtlich, dass ein paar davon sehr fasziniert sind und sie erkundigen sich nach Möglichkeiten, mehr dazu zu machen.

Einige Jugendliche fragen an, ob ein solcher Rap Freeystyle auch in ihrer Einrichtung veranstaltet werden kann und wünschen sich in jedem Fall eine Wiederholung.

Nach 2,5 Stunden endet das Event, da die meisten Jugendlichen aufbrechen wollen


Was bringt ein Open Rap Freestyle?

Das Open Rap Freestyle war nicht als Workshop angelegt. Ein genereller Erfolg des Events ist es deshalb schon, dass 50 Jugendliche sich über die Musik haben ansprechen lassen, vorbeigekommen sind.

Der noch größere Erfolg jedoch ist es, dass sich Jugendliche getraut haben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und dass die anderen Ihnen zugehört haben. Es gab Applaus und Anerkennung.

Die meisten Jugendlichen kannten sich nicht oder kaum untereinander, alle waren friedlich zusammen. Animositäten kamen nicht auf. Ein weiterer Erfolg: Einige der Jugendlichen lassen sich darauf ein, nach eigenen „Worten“ und Beats zu suchen und sich in ihrer Heimatsprache, aber auch in „Deutsch“ auszudrücken.

Der Erfolg zeigt, dass Musik Jugendlichen wichtig ist, es möglich macht, sich auszudrücken und gehört zu werden, dass sie verbindet und Jugendliche mit sehr unterschiedlichem Hintergrund sich gut auf dieses „Thema“ einlassen können. Ein Open Rap Freestyle sollte deshalb nicht als einmalige Veranstaltung konzipiert werden.

Autoren:
Klaus Brouwers, Jolie Summer, Lukas Geller

Fazit der Pädagogen

„Peppa“ arbeitet als Pädagogin in einer Jugendschutzgruppe für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge. Ihr Fazit der Veranstaltung: „Ich bin kein professioneller Rapper. Ich mache das, weil es mir Spaß macht und weil ich denke, dass man Jugendliche damit erreicht und sie werden gehört, egal wo sie herkommen. Das ist mir wichtig, dass sie mit ihren Geschichten gehört werden . Es gehört Mut dazu, sich hinzustellen und etwas zu erzählen.
Es geht nicht darum, welche Anlage man hat oder wie groß der Raum ist. Es geht darum, ein Miteinander ohne Wertung zu schaffen, wo jeder die Zeit bekommt, die er oder sie braucht.
Deshalb habe ich das gemacht und Zeit und Herz in dieses Ding gesteckt. Lukas war Klasse, hat super gerappt und super gespielt.“

Der Sozialpädagoge Lukas Geller arbeitet in der offenen Jugendarbeit mit Jugendlichen und zieht folgendes Fazit der Veranstaltung: „Jugend- und Musikkultur sind eng miteinander verwoben und in unserem Jugendzentrum ist Rap allgegenwärtig. Mit der Open Freestyle Session konnten wir den Jugendlichen einrichtungsübergreifend eine Möglichkeit geben sich zu zeigen und auszuprobieren.

Die Veranstaltung bot uns eine gute Gelegenheit herauszufinden, inwiefern sich jemand mit dem Thema „Musik machen“ bereits beschäftigt, an eigenen Texten schreibt, beat boxt oder einfach nur neugierig ist. Für die offene Jugendarbeit ergeben sich hieraus konkrete Anhaltspunkte und Möglichkeiten an den Interessen der Jugendlichen anzuknüpfen. Die Einsatzmöglichkeiten und Potentiale von Musik sind dabei sehr vielfältig. Daher war es mir wichtig, dass die Veranstaltung ergebnisoffen und prozessorientiert ausgerichtet wurde. Wir konnten darauf aufmerksam machen, dass es bei unserem Träger bereits etwas Equipment, Räumlichkeiten und musikbegeisterte Ansprechpartner gibt. Auch konnten wir zeigen, dass man kein Profi sein muss, um musikalisch aktiv zu werden. Entscheidend wird nun der Kontakt zu den Jugendlichen im Anschluss an die Veranstaltung sein. Ich denke die Open Freestyle Session war ein guter Start um das Thema sowie unsere Unterstützungsmöglichkeiten bei den Jugendlichen bekannt zu machen“.


Informationen zum Verfassser
Klaus Brouwers
Klaus Brouwers

begleitet als Redakteur der Agentur kippconcept das Portal Stadtgrenzenlos. Er berichtet für Fachkräfte der sozialen Arbeit über digitale Projekte und Partizipationsprozesse in der Kinder- und Jugendhilfe des Godesheims.

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