Digitale Partizipation in der Praxis am Beispiel der Jugendredaktion „WeReport “


Autor: Jan Graf

Neue Beteiligungsräume in der Kinder- und Jugendhilfe
Unser Alltag ist weitestgehend von Medien bestimmt. Diese digitale Mediatisierung bringt neben vielen Herausforderungen auch viele Chancen mit (sich). Insbesondere die neuen Möglichkeiten zur Teilhabe an Informationen und Bildung sowie die Vernetzung mit anderen Menschen schaffen hochflexible Partizipationsräume. Das Bundesjugendkuratorium hat in seiner Stellungnahme vom Juni 2016 mit dem Titel „Digitale Medien – Ambivalente Entwicklungen und neue Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe“ diese fortschreitende Digitalisierung thematisiert und die Anforderungen, die sich hierdurch für die Fachkräfte und Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe ergeben, beschrieben. Viele der schon existierenden Möglichkeiten werden zu wenig oder nicht genutzt. Ein wesentlicher Grund hierfür scheint bei vielen Fachkräften in einer grundlegenden Skepsis gegenüber digitalen Medien zu liegen. In der Stellungnahme konstatiert das Bundesjugendkuratorium andererseits aber auch, „dass Internet, mobile Medien und soziale Netzwerke intensiv als innovative Formen genutzt werden. So gehören Facebook-Profile, die Veröffentlichung von Informationen aber auch die Verortung pädagogischer und beteiligungsbezogener Aktivitäten“ in Facebook zum vielfach unhinterfragten Standard. Im Bereich der Onlineberatung gibt es durch den niedrigschwelligen Zugang zur Zielgruppe mehr Möglichkeiten auch für die Kinder- und Jugendhilfe.

WeReport – Sprachrohr und Mittel zur aktiven Teilhabe an der Stadtgesellschaft
WeReport ist der Name der Jugendredaktion von Stadtgrenzenlos. Seit einem Jahr gibt es die Redaktion, die derzeit aus jungen Geflüchteten besteht. Dieser Weg der Zusammenarbeit mit jungen Geflüchteten bot sich in der Inobhutnahme und anderen stationären Angeboten der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim als adäquate pädagogische Methodik an, denn für junge Geflüchtete kommt digitalen Medien eine entscheidende Bedeutung als Sozialisations- und Integrationsinstanz zu. Ein Zugang zum Netz ermöglicht die Orientierung und sichert diesen jungen Menschen ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Außerdem eröffnet der Netzzugang Räume, in denen die Jugendlichen neue Aspekte ihrer Identität erproben können.
So gesehen ist die Arbeit als Redaktion ein ganz wesentlicher Baustein in der aktiven Integrations- und Partizipationsarbeit.
Die Themenpalette der Redaktion ist breit gefächert. In verschiedenen Beitragsformaten berichten die jungen Menschen aus ihrem Alltag in Deutschland, geben Tipps für Neuangekommene und setzten sich kreativ mit Themen wie Heimat, Ankunft oder kulturellen Unterschieden auseinander. Damit ist WeReport beides: Sprachrohr und Mittel zur aktiven Teilhabe an der Stadtgesellschaft.

Wie arbeitet WeReport?
In regelmäßigen Redaktionssitzungen erarbeitet das Team aus Pädagogen und jungen Geflüchteten gemeinsam Themen und definiert die jeweilige Umsetzung als Radio-, Foto- oder Videobeitrag. In einem Medienworkshop wurden die Teilnehmer in die grundlegende redaktionelle Arbeit eingeführt und an technischem Equipment, wie Video- und Radiotechnik, geschult. Die redaktionellen Beiträge werden auf der Plattform Stadtgrenzenlos.de eingestellt und veröffentlicht.
Ein ganz wesentlicher Aspekt der Arbeit ist der Austausch in der Gruppe über die eigenen Erfahrungen in Deutschland, aber auch über die eigene Mediennutzung, Kommunikation sowie den Umgang mit sozialen Netzwerken. Dabei zeigte sich früh auch die Erfahrung der Teilnehmer im Umgang mit digitalen Medien. Oftmals werden regelmäßig eigene Medieninhalte „produziert“ und Fotos und Videos über soziale Netzwerke mit Freunden geteilt.
Diese Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien sowie die Unmittelbarkeit der Umsetzung fließt mit in die Redaktionsarbeit und erhöht die Authentizität und Glaubwürdigkeit der Themenbearbeitung.
Derzeit wird die Redaktion über die jungen Geflüchteten hinaus durch weitere Jugendliche aus unterschiedlichen Angeboten der erzieherischen Hilfen erweitert.

Statement

„WeReport baut auf den Stärken der jungen Menschen auf und unterstützt sie dabei, die Möglichkeiten ihres (neuen) Lebensorts Schritt für Schritt eigenständig zu erschließen. Die Medienarbeit eröffnet dabei verschiedene Potentiale. Sprachliche Barrieren können bei der Erstellung von Video-, Foto- und Radiobeiträgen – vergleichsweise einfach – überbrückt werden. Die Jugendlichen können ihre Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien einbringen und knüpfen neue Kontakte in der Stadt. In erster Linie aber schafft das Projekt einen Raum, in dem die Jugendlichen sich in einer aktiven Rolle erleben und ihre Situation aus einer neuen Perspektive betrachten können. Die entstandenen Beiträge wiederum können Neuankömmlingen als eine authentische Orientierungshilfe dienen. Damit leisten die WeReporter einen aktiven Beitrag zum „Ankommen“ in Bonn.“
Jan Graf, Team „Stadtgrenzenlos“


Informationen zum Verfassser
Jan Graf
Jan Graf

lebt in Bonn, arbeitet bei Stadtgrenzenlos und betreut verschiedene Projekte, darunter auch das digitale Partizipationsprojekt WeReport. Als Sozialgeograph liegen ihm die Themen Flucht und Migration, physische und virtuelle Raumaneignung sowie Teilhabe an der Stadtgesellschaft besonders am Herzen.


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