CCP Stipendiatin Ceren Suntekin über ihre Arbeit in der Jugendschutzstelle der Stadt Bonn


Autor: Stadtgrenzenlos Redaktion

Auch wenn seit dem Inkrafttreten des sogenannten „Flüchtlingsdeals“ mit der Türkei deutlich weniger Geflüchtete Deutschland erreichen, sind die Themen Flucht, Migration und Integration weiterhin hoch aktuell; doch nicht nur in den Medien und der Politik, sondern auch in der Kinder- und Jugendhilfe.

Einige von denjenigen, die sich engagiert um geflüchtete Menschen kümmern, haben im vergangenen Jahr am CrossCulture-Programm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) teilgenommen. Das Förderprogramm bietet jungen Fachkräften aus Deutschland sowie dem Irak, Jordanien, Libanon, Marokko, Tunesien, Türkei die Möglichkeit des Dialogs, des Erfahrungsaustauschs und der Auseinandersetzung mit Problemen und Lösungsansätzen im Bereich Flüchtlingsarbeit.

Frau Ceren Suntekin, Leiterin des Tarlabasi Community Center in Istanbul, ist im Rahmen des Programms im vergangenen Jahr nach Bonn gekommen und hat 6 Wochen die Arbeit in der Jugendschutzstelle in Bonn kennengelernt und unterstützt. Die Jugendschutzstelle ist die zentrale Inobhutnahmeeinrichtung der Stadt Bonn und bietet zu jeder Tages- und Nachtzeit Schutz und Hilfe für Minderjährige in Notsituationen. Viele  unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden nach ihrer Ankunft in Bonn zunächst hier betreut und versorgt.

Ein Erfahrungsbericht von Ceren Suntekin

Die Arbeit mit jungen Geflüchteten und Migranten

In der Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen besteht die Gefahr, diese jungen Menschen in eine Schublade zu stecken und dabei ihre persönlichen Eigenschaften, Vorlieben, Abneigungen, Talente, Lebensstile, Weltbilder, Hobbies und ihren Charakter zu übergehen.

Was sind die Eigenschaften dieser Gruppe?

  • Viele der Jugendlichen sind traumatisiert
  • Die eigene Identität ist in der Regel noch nicht ausgereift
  • Sie versuchen sich an den neuen Ort und an die neue Kultur zu gewöhnen
  • Sie stammen häufig aus sozio-ökonomisch schwachen Familien

 Sozialarbeiter müssen stets Rücksicht auf die emotionalen, physischen, und sozialen Veränderungen der Jugendlichen nehmen. Geflüchtet oder nicht, man darf nicht vergessen, dass es sich um Jugendliche mit unterschiedlichen Eigenschaften und Persönlichkeiten handelt, die auf der Schwelle zum Erwachsensein stehen.

„Gemeinsames Schaffen“

Der Erwerb der deutschen Sprache ist für die Jugendlichen natürlich von zentraler Bedeutung. Aber auch der Abbau von gegenseitigen Vorurteilen ist sehr wichtig. Sport und Kunst können hier helfen. Gerade kreative Bastel- und Mal-Projekte können schon mit einem geringen Aufwand umgesetzt werden. Doch warum ist gemeinsames Schaffen so wichtig?

Ich finde die im Wort „Integration“ steckende Bedeutung nicht unbedenklich; das Wort impliziert, dass der, die oder das Andere (als Person, Gesellschaft oder Kultur) als weniger wert angesehen wird, dass das Gegenüber sich nur anzupassen hat und dass alle damit verbundenen Schwierigkeiten eigenverschuldet sind. Der Auftrag eines Sozialarbeiters sollte gerade sein, genau diese Verhaltens- und Gedankenstrukturen herauszufordern.

Um miteinander zu leben und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, ist es sehr hilfreich gemeinsam etwas zu schaffen.

Während meiner Zeit in Bonn habe ich mich dazu entschieden, ein Kunstprojekt mit den Jugendlichen zu starten und Collagen zu entwerfen. Für die Arbeit mit Collagen sind keine Vorlagen oder Vorkenntnisse nötig; nur Kreativität.

Die Arbeit mit Collagen ist für mich auch eine transkulturelle Arbeit. Du nimmst viele verschiedene Materialien und schaffst etwas Neues. Etwas, was miteinander harmoniert, aber mit seinem alten Selbst nichts mehr zu tun hat. Von jeder Zutat findet sich ein Stück im Bild wieder, aber wenn man auf das Ergebnis schaut, sieht man etwas Neues, was aus diesen zusammengebrachten Stücken entstanden ist. Ich denke, dieser Punkt ist in der Arbeit mit Geflüchteten besonders wichtig. Für eine Collage kann man problemlos Magazine, Zeitungen, sogar Hülsenfrüchte oder Stoff; ja alles Wiederverwertbare benutzen. Das ist sogar sinnvoller, als extra neue Materialien zu kaufen.

Beispielthema: Ich erstelle eine Collage meines Gesichts

Materialien:

  • Eine Schere
  • Kleber
  • Alte Farbmagazine/-Zeitschriften
  • Ein Filzstift mit dicker Spitze
  • Kartonpapier

Anleitung: Denk an dein eigenes Gesicht. Was zeichnet Dich aus?  Versuch, dein Gesicht groß aufs Papier zu malen. Schreibe drei Eigenschaften, die dich auszeichnen zusammen mit deinem Namen unter dein Bild.

Ziel: Hilft bei Sprachbarrieren dabei, sich gegenseitig besser kennenzulernen, fördert die Kreativität, ohne besonders viel künstlerisches Talent zu erfordern, trainiert die Vorstellungskraft, stärkt die Konzentration und macht Spaß.

Der Originaltext wurde von dem Bonner Institut für Migrationsforschung aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt

Informationen zum Verfassser
Stadtgrenzenlos Redaktion
Stadtgrenzenlos Redaktion

Stadtgrenzenlos.de unterstützt und ermöglicht soziale Arbeit in digitalen Lebenswelten. Stadtgrenzenlos.de versteht sich als ein Internetportal für Fachkräfte sozialer Arbeit. Mehr über das Konzept erfahren


Das könnte Sie auch interessieren